Glycopyrroniumbromid

Wirkstoff
Glycopyrroniumbromid
Handelsname
Robinul®, Sialanar®, div. Generika
ATC-Code
A03AB02
Zulassung, Pharmakodynamik und -kinetik
Dosierungen
Nierenfunktionsstörungen
Ähnliche Wirkstoffe
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen
Kontraindikationen
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
Wechselwirkungen
Referenzen
Änderungsverzeichnis

Zulassung der Dosierungsempfehlungen

  • Sialorrhö (chronischer krankhaft gesteigerter Speichelfluss)
    • Oral
      • ≥3 Jahre: On-label
  • Als Anticholinergikum: prä- und intraoperativ 
    • Intravenös
      • On-label
    • Intramuskulär 
      • On-label *

*nur präoperativ

Auszug aus Fachinformation

Textauszug aus Fachinformation

Symptomatische Behandlung von schwerer Sialorrhö (chronischer krankhaft gesteigerter Speichelfluss) bei Kindern und Jugendlichen ab 3 Jahren mit chronischen neurologischen Erkrankungen

Oral

Das Dosierungsschema für Glycopyrronium richtet sich nach dem Gewicht des Kindes. Es sollte mit etwa 12,8 Mikrogramm/kg pro Dosis (entsprechend 16 Mikrogramm/kg Glycopyrroniumbromid pro Dosis) dreimal täglich begonnen werden, gefolgt von einer Steigerung der Dosis alle 7 Tage. Die Dosistitration sollte fortgesetzt werden, bis sich Wirksamkeit und Nebenwirkungen die Waage halten. Gegebenenfalls sollte eine Anpassung nach oben oder unten bis zu einer maximalen Einzeldosis von 64 Mikrogramm/kg Körpergewicht Glycopyrronium oder 6 ml (1,9 mg Glycopyrronium, entsprechend 2,4 mg Glycopyrroniumbromid) dreimal täglich erfolgen, wobei die kleinere Dosis maßgeblich ist.

Kinder unter 3 Jahre: Die Sicherheit und Wirksamkeit von Glycopyrroniumbromid bei Kindern im Alter von der Geburt bis < 3 Jahren ist nicht erwiesen. Es liegen keine Daten vor.

(SmPC Sialanar Lösung zum Einnehmen)

 

Zur Aufhebung bzw. Vermeidung muskarinartiger Nebenwirkungen bei der Verwendung von Anticholinesterasen (z.B. Neostigmin und Pyridostigmin), die als Antidote nicht-depolarisierender Muskelrelaxantien verwendet werden. Zur Narkose-Prämedikation zur Verminderung der Speichel-, Tracheal-, Bronchial- und Pharyngeal-Sekretion und zur Verringerung der Magensäureproduktion.  Zum prä- oder intraoperativen Gebrauch zur Verhütung oder Abschwächung intraoperativ auftretender Bradykardien, die auf den Gebrauch von Suxamethonium oder auf vagale Reflexe zurückgehen bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab 0 Jahren

Kinder und Jugendliche:

Aufhebung muskarinartiger Nebenwirkungen bei der Verwendung von Anticholinesterasen als Antidot nicht-depolarisierender Muskelrelaxantien: Intravenös
0,01 mg (0,05 ml)/kg Robinul mit 0,05 mg/kg Neostigmin oder 0,25 mg/kg Pyridostigmin mischen und intravenös injizieren.

Narkose-Prämedikation: Intravenös/ intramuskulär
Empfohlene Dosierung von 0,004-0,008 mg/kg Körpergewicht bis zur Maximaldosis von 0,2 mg.

Intraoperativer Gebrauch: 
Intravenöse Einzelinjektion von 0,004 mg (0,02 ml)/kg Körpergewicht, maximal 0,1 mg (0,5 ml) pro Einzelgabe, die - bei Bedarf - nach 2 bis 3 min wiederholt werden kann.

(SmPC Robinul Ampullen)

Die aktuellen Fachinformationen können unter https://aspregister.basg.gv.at/ abgerufen werden.

Verfügbare Darreichungsformen und Stärken

Lösung zum Einnehmen 320 microg./ml
Injektionslösung 0,2 mg/ml

Glycopyrronium ist in der Lösung zum Einnehmen und in der Injektionslösung als Glycopyrroniumbromid enthalten. Die angegebene Stärke bezieht sich bei der Lösung zum Einnehmen auf Glycopyrronium, bei der Injektionslösung auf Glycopyrroniumbromid.
CAVE: Auf der Verpackung von Sialanar® ist eine Wirkstärke von 320 microg./ml angegeben. Diese Angabe bezieht sich auf Glycopyrronium und entspricht 400 microg./ml Glycopyrroniumbromid. 320 microg. (0,32 mg) Glycopyrronium ≙ 400 microg. (0,4 mg) Glycopyrroniumbromid ≙ 1 ml (Sialanar®)

Anwendungshinweis:

Die Lösung zum Einnehmen sollte spätestens eine Stunde vor oder frühestens zwei Stunden nach einer Mahlzeit oder in gleichbleibenden Zeitabständen zu den Mahlzeiten eingenommen werden. Fettreiche Nahrungsmittel sollten vermieden werden. Ist aufgrund der speziellen Bedürfnisse des Kindes eine gleichzeitige Einnahme mit Nahrung erforderlich, sollte die Einnahme des Arzneimittels immer während der Mahlzeiten erfolgen.

Die Injektionslösung kann intravenös oder intramuskulär verabreicht werden.

Für Kinder potentiell problematische Hilfsstoffe:

Die Lösung zum Einnehmen enthält: Natriumbenzoat, Sucralose und Propylenglykol

Detaillierte Informationen zu einzelnen Präparaten entnehmen Sie bitte den Fachinformationen.

 

Pharmakodynamik

Glycopyrronium ist ein Anticholinergikum aus der Gruppe quartärer Ammoniumverbindungen mit peripheren Wirkungen, die denen von Atropin ähneln. Anticholinergika sind kompetitive Inhibitoren der Wirkung von Acetylcholin an den Muskarinrezeptoren an autonomen Effektorstellen, die von parasympathischen (cholinergen postganglionären) Nervenfasern innerviert werden. Sie hemmen auch die Wirkung von Acetylcholin an glatten Muskeln bei fehlender cholinerger Innervation. Die polare quaternäre Ammoniumgruppe von Glycopyrroniumbromid begrenzt seine Penetrationsfähigkeit durch die Blut-Hirn-Schranke und die Placentaschranke. Unerwünschte zentral-stimulierende Effekte, wie sie bei Atropin und Scopolamin beobachtet werden, treten daher mit Glycopyrroniumbromid in der Regel nicht auf.

Pharmakokinetik

Die Kinetik von Glycopyrronium bei Kindern >2 Monaten ist nicht altersabhängig. Es besteht eine erhebliche interindividuelle Variabilität (Rautakorpi 1994, Rautakorpi 1998).

i.v. 5 microg./kg

  T½ (min) Vd (L/kg) Cl (L/kg/Stunde)
> 2 Monate 46,7-129,5 (28-634,1) 1,3-1,8 (0,7-3,9) 1,01-1,41 (0,32-2,22)

 Oral 50 microg./kg

  Cmax (microg./L) Tmax (min) F (%)
7-14 Jahre 0,37 90 3,3

Dosierungen

Sialorrhö (chronisch krankhaft gesteigerter Speichelfluss)
  • Oral
    • 2 Monate bis 18 Jahre
      [2] [3] [4] [5] [7] [8] [9] [12] [13] [14] [15] [16] [17]
      • Initialdosis: 48 microg./kg/Tag in 3 Dosen. Maximale Einzeldosis: 2,4 mg/Dosis.
      • Erhaltungsdosis: abhängig von Wirksamkeit und Verträglichkeit alle 5-7 Tage in Schritten von 48 microg./kg/Tag erhöhen auf 96 - 240 microg./kg/Tag in 3 Dosen, max: 7,2 mg/Tag. Maximale Einzeldosis: 2,4 mg/Dosis.
      • In Einzelfällen wurden Dosen von 820 microg./kg/Tag beschrieben.

        Cave: Auf der Verpackung von Sialanar® ist eine Wirkstärke von 0,32 mg/ml angegeben. Diese Angabe bezieht sich auf Glycopyrronium und entspricht 0,4 mg/ml Glycopyrroniumbromid

Als Anticholinergikum: prä- und intraoperativ
  • Intravenös
    • 1 Monat bis 18 Jahre
      [6] [10]
      • 4 - 8 microg./kg/Dosis, bei Bedarf intra-operativ wiederholen. Maximale Einzeldosis: 200 microg./Dosis.
  • Intramuskulär
    • 1 Monat bis 18 Jahre
      [10]
      • 4 - 8 microg./kg/Dosis, bei Bedarf intraoperativ intravenös wiederholen. Maximale Einzeldosis: 200 microg./Dosis.

Nierenfunktionsstörungen bei Kindern > 3 Monate

Bei einer GFR <30 ml/min/1,73 m2 ist das Risiko anticholinerger Nebenwirkungen erhöht. Eine Dosissenkung kann erforderlich sein.

MITTEL BEI FUNKTIONELLEN GASTROINTESTINALEN STÖRUNGEN

Andere Mittel bei funktionellen gastrointestinalen Störungen

Simeticon

Antiflat®, SAB-simplex®, diverse Generika
A03AX13

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen bei Kindern

Typische unerwünschte Wirkungen einer peripheren Blockade des cholinergen Systems: Arrhythmien (einschließlich Bradykardie, ventrikuläre Tachykardie und Kammerflimmern), Herzstillstand, Hypertonie, Hypotonie, Krämpfe und Atemstillstand.

Orale Verabreichung:
Sehr häufig (>10 %): Reizbarkeit, Hautrötung mit Hitzegefühl, verstopfte Nase, verringerte Bronchialsekretion, Mundtrockenheit, Obstipation, Diarrhoe, Erbrechen und Harnverhalt
Häufig (1-10 %): Infektionen der oberen Atemwege, Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen, Unruhe, Schläfrigkeit, Nasenbluten, Hautausschlag und Fieber
Gelegentlich (<1 %): Kopfschmerzen, Mydriasis, Nystagmus, Halitosis, ösophageale Candidose, Pseudoobstruktion des Magen-Darm-Trakts und Dehydratation
Des Weiteren wurden beobachtet: Psychische Störungen, Insomnie, Engwinkelglaukom, Photophobie, Augentrockenheit, transiente Bradykardie, Sinusitis, Übelkeit, Hauttrockenheit, Inhibition des Schwitzens, Harndrang, Angioödem und Überempfindlichkeitsreaktionen.

Bei intravenöser oder intramuskulärer Verabreichung wurden maligne Hyperthermie und insbesondere bei Kindern Herzrhythmusstörungen (einschließlich Bradykardie, ventrikulärer Tachykardie und Kammerflimmern), Herzstillstand, Hypertonie, Hypotonie, Krämpfe und Atemstillstand beobachtet.

Boriosi et al. 2022 beschreiben eine höhere Prävalenz von Atemwegsobstruktion, Notfallintervention und Laryngospasmus, wenn ein Anticholinergikum (Glycopyrronium oder Atropin) im Vergleich zu keinem Anticholinergikum bei der prozeduralen Sedierung in der Pädiatrie verwendet wird.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen allgemein

Sehr häufig (≥ 10%): Mundtrockenheit

Häufig (1-10%): Tachykardie, Palpitationen

Gelegentlich (0,1-1%): Laktationsunterdrückung

Selten (0,1-0,01%): Übelkeit, Erbrechen, Juckreiz, Ödem, Erythem und Schmerzen im Bereich der Einstichstelle

Nicht bekannt (Häufigkeit auf Grundlage der verfügbaren Daten nicht abschätzbar):

schwere allergische Reaktionen der Haut oder Idiosynkrasie mit Anaphylaxie, Überempfindlichkeit, Angioödem, Schlaflosigkeit, Geschmacksverlust, Kopfschmerzen, Nervosität, Schläfrigkeit, Mattigkeit, Benommenheit, Krampfanfälle, Verschwommensehen, Akkommodationsstörungen infolge von Mydriasis, Akkommodationslähmung infolge einer Zykloplegie (=Lähmung des Ziliarmuskels), erhöhter Augendruck, Vertigo, Herzrhythmusstörungen, Herzstillstand, Hypotonie oder Hypertonie, Atemstillstand, Obstipation, Völlegefühl, Urtikaria und andere Hauterscheinungen, Hautrötungen, Pruritus, verzögerte Miktion und Harnverhalt, erektile Dysfunktion, Mattigkeit, Hyperthermie (Hitzestauung infolge eingeschränkter Schweißentwicklung besonders bei hohen Außentemperaturen)

 

Die vollständige Auflistung aller unerwünschten Arzneimittelwirkungen ist den aktuellen Fachinformationen zu entnehmen.

Kontraindikationen allgemein

oral:

  • Glaukom
  • Harnverhalt
  • schwere Nierenfunktionsstörung (eGFR < 30 ml/min/1,73 m2), einschließlich dialysepflichtiger terminaler Niereninsuffizienz
  • Darmverschluss, Colitis ulcerosa, paralytischer Darmverschluss, Pylorusstenose oder Myasthenia gravis in der Vorgeschichte.
  • Gleichzeitige Behandlung mit festem, oral angewendetem Kaliumchlorid 

intravenös:

  • Engwinkelglaukom
  • Asthma bronchiale
  • Tachykardie, Tachyarrhythmie
  • Myasthenia gravis
  • Mechanische Stenosen des Magen-Darm-Kanals (z.B. bei Achalasie oder pyloroduodenalen Stenosen, Hiatushernien mit Reflux-Ösophagitis, etc.)
  • intestinale Atonie, paralytischer Ileus
  • Colitis ulcerosa
  • Megacolon
  • Obstruktive Uropathien (z.B. Prostataadenom mit Restharnbildung) – unstabiler Herz-Kreislauf-Status bei schwerem Blutverlust

Die vollständige Auflistung aller Kontraindikationen ist den aktuellen Fachinformationen zu entnehmen.

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen bei Kindern

Kinder unter 1 Jahr und Kinder mit Down-Syndrom, spastischer Lähmung oder Hirnschädigungen können auf anticholinerge Wirkungen besonders empfindlich reagieren. Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion sollte aufgrund der verlängerten Clearance eine gute Überwachung erfolgen. Bei Kleinkindern kann eine paradoxe Übererregbarkeit auftreten. 

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen allgemein

Allgemeine Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen entnehmen Sie bitte den aktuellen Fachinformationen (https://aspregister.basg.gv.at/).

Wechselwirkungen

Diese Informationen werden im Moment recherchiert und baldmöglichst zur Verfügung gestellt.
Bitte beachten Sie die aktuellen Fachinformationen.

Referenzen

  1. Rautakorpi P, et al, Pharmacokinetics of glycopyrrolate in children, J Clin Anesth, 1994, May-Jun;6(3), 217-20
  2. Mier RJ, et al, Treatment of sialorrhea with glycopyrrolate.A double-blind, dose-ranging study, Arch Pediatr Adolesc Med, 2000, Dec;154(12), 1214-8
  3. Bachrach SJ, et al, Use of glycopyrrolate and other anticholinergic medications for sialorrhea in children with cerebral palsy, Clin Pediatr (Phila, 1998, Aug;37(8), 485-90
  4. Tscheng DZ, Sialorrhea - therapeutic drug options, Ann Pharmacother, 2002 , Nov;36(11), 1785-90
  5. Blasco PA, et al, Glycopyrrolate treatment of chronic drooling, Arch Pediatr Adolesc Med, 1996, Sep;150(9), 932-5
  6. Annila P, et al, Effect of pre-treatment with intravenous atropine or glycopyrrolate on cardiac arrhythmias during halothane anaesthesia for adenoidectomy in children, Br J Anaesth, 1998, Jun;80(6), 756-60
  7. Swart EL, Welk middel heeft de voorkeur bij de behandeling van speekselvloed, Apothekers Vademecum, 2002
  8. Koopmann M, Als de vloed tot wanhoop drijft: medicamenteuze behandeling van hypersalivatie, een literatuuroverzicht, Pharm Weekbl, 2004, Jul:139(27/28), 942-945
  9. Mikart Inc, FDA label Cuvposa (10-2015), www.cuvposa.com
  10. Anpharm Ltd, SPC Robinul (UK) (10-2012), www.mhra.gov.uk
  11. Rautakorpi P et al. , Pharmacokinetics and oral bioavailability of glycopyrrolate in children. , Pharmacol Toxicol., 1998, Sep;83(3), 132-4
  12. Eiland LS et al. , Glycopyrrolate for chronic drooling in children., Clin Ther. , 2012, Apr;34(4), 735-42
  13. Evatt ML et al. , Oral glycopyrrolate for the treatment of chronic severe drooling caused by neurological disorders in children. , Neuropsychiatr Dis Treat., 2011, 7, 543-7
  14. Garnock-Jones KP et al. , Glycopyrrolate oral solution: for chronic, severe drooling in pediatric patients with neurologic conditions., Paediatr Drugs., 2012, Aug 1;14(4), 263-9
  15. Zeller RS et al. , Randomized Phase III evaluation of the efficacy and safety of a novel glycopyrrolate oral solution for the management of chronic severe drooling in children with cerebral palsy or other neurologic conditions., Ther Clin Risk Manag., 2012, 8, 15-23
  16. Zeller RS et al. , Safety and efficacy of glycopyrrolate oral solution for management of pathologic drooling in pediatric patients with cerebral palsy and other neurologic conditions., Ther Clin Risk Manag., 2012, 8, 25-32
  17. Proveca Pharma Limited, SmPC Sialanar (EU/1/16/1135/001-2) 15-04-2019, www.geneesmiddeleninformatiebank.nl
  18. Boriosi et al., Anticholinergics and serious adverse events in pediatric procedural sedation: a report of the Pediatric Sedation Research Consortium, Paediatr Anaesth, 2022, online ahead of print

Änderungsverzeichnis

  • 28 April 2022 11:53: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen gemäß Boriosi et al. 2022 hinzugefügt
  • 17 März 2022 14:44: Neue Monographie

Therapeutisches Drug Monitoring (TDM)


Überdosierung