Chloralhydrat

Wirkstoff
Chloralhydrat
Handelsname
ATC-Code
N05CC01
Zulassung, Pharmakodynamik und -kinetik
Dosierungen
Nierenfunktionsstörungen
Ähnliche Wirkstoffe
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen
Kontraindikationen
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen

Überdosierung
Wechselwirkungen
Referenzen
Änderungsverzeichnis

Zulassung der Dosierungsempfehlungen

Zulassungsstatus bei Kindern und Jugendlichen < 18 Jahren:

  • (Prozedurale) Sedierung, Behandlung von epileptischen Episoden
    • Oral
      • Keine Arzneispezialität in Österreich zugelassen
    • Rektal
      • Keine Arzneispezialität in Österreich zugelassen

Auszug aus Fachinformation

Textauszug aus Fachinformation

Die aktuellen Fachinformationen können unter https://aspregister.basg.gv.at/ abgerufen werden.

Verfügbare Darreichungsformen und Stärken

Darreichungsformen
Es ist keine Arzneispezialität in Österreich zugelassen. Chloralhydrat wird in Form von magistralen Zubereitungen (z.B. Chloralhydrat-Saft 100 mg/ml, siehe Kompendium Juniormed) verwendet.

Pharmakodynamik

Trichlorethanol, der aktive Metabolit von Chloralhydrat, geht feste Komplexe mit GABA-Rezeptoren ein und verstärkt damit die Wirkung des Neurotransmitters GABA.
Es kommt zu einer Verlängerung der NREM-Phasen 2-4. Die REM-Phase und REM-Latenz bleiben hingegen unverändert.

Pharmakokinetik

Negative Korrelation zwischen Alter und t1/2 aktiver Metaboliten (Trichlorethanol), was zu einer längeren Erholungsphase bei Kleinkindern führt. Die genaue Rolle von Chloralhydrat gegenüber Trichlorethanol als Sedativum ist unbekannt. Auch Chloralhydrat selbst scheint eine wichtige Rolle zu spielen, auch wenn es schnell umgewandelt wird. Die folgenden t½-Werte wurden ermittelt (Mayers 1991):

Alter Chloralhydrat Trichlorethanol
Frühgeborene (31-37 Wochen) 1,0 ± 1,0 h 39,8 ± 14,3 h
Reifgeborene (38-42 Wochen) 3,0 ± 5,8 h 27,8 ± 21,3 h
1-13,6 Jahre 9,7 ± 7,7 h 9,7 ± 1,7 h


 

Dosierungen

(Prozedurale) Sedierung, Behandlung von epileptischen Episoden
  • Oral
    • Neugeborene
      [13] [15] [21]
      • 30 mg/kg/Dosis, einmalig. Bei Bedarf nach 30 min wiederholen mit 15-30 mg/kg.
      • Gefahr der Hypoxie.

        Es wurde keine Studie zur Verwendung von Chloralhydrat zur Anfallsbehandlung bei Epilepsie durchgeführt. Die Empfehlung basiert auf Expertenmeinungen.

    • 1 Monat bis 12 Monate
      [5] [7] [8] [10] [13] [14] [16] [17] [18] [19] [20]
      • 50 mg/kg/Dosis, einmalig. Maximale Einzeldosis: 1.000 mg/Dosis. Bei Bedarf nach 30 min wiederholen mit 25 mg/kg/Dosis.
      • Gefahr der Hypoxie.

        Es wurde keine Studie zur Verwendung von Chloralhydrat zur Anfallsbehandlung bei Epilepsie durchgeführt. Die Empfehlung basiert auf Expertenmeinungen.

    • 1 Jahr bis 18 Jahre
      [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] [13] [14] [16] [17] [18] [19] [20]
      • 50 mg/kg/Dosis, einmalig. Maximale Einzeldosis: 2.000 mg/Dosis. Bei Bedarf nach 30 Minuten wiederholen mit 25-50 mg/kg/Dosis.
      • Gefahr der Hypoxie.

        Es wurde keine Studie zur Verwendung von Chloralhydrat zur Anfallsbehandlung bei Epilepsie durchgeführt. Die Empfehlung basiert auf Expertenmeinungen.

Nierenfunktionsstörungen bei Kindern > 3 Monate

Anpassung bei Nierenfunktionsstörung wie angegeben:

GFR 50-80 ml/min/1.73 m2
Dosisanpassung nicht erforderlich
GFR 30-50 ml/min/1.73 m2
Keine Verabreichung.
GFR 10-30 ml/min/1.73 m2
Keine Verabreichung.
GFR < 10 ml/min/1.73 m2
Keine Verabreichung.

HYPNOTIKA UND SEDATIVA

Benzodiazepin-Derivate

Midazolam

Dormicum®, Buccolam®, diverse Generika
N05CD08
Melatoninrezeptoragonisten

Melatonin

Circadin®, Slenyto®
N05CH01

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen bei Kindern

Hyperaktivität, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot und Hypoxämie, motorische Störungen, Ruhelosigkeit, gastrointestinale Beschwerden

Eine längere Exposition gegenüber hohen Dosen von Chloralhydrat kann krebserregend sein (Steinberg 1993).

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Folgende schwerwiegende UAW wurden zudem selten, sehr selten (< 0,1 %) oder mit unbekannter Häufigkeit beobachtet:
Torsade de Pointes, Verlängerung des QT-Intervalls im EKG
Bei längerem Gebrauch von Chloralhydrat besteht das Risiko einer Abhängigkeitsentwicklung. Darüber hinaus kann es zu einer Toleranzentwicklung kommen.

Die vollständige Auflistung aller unerwünschten Arzneimittelwirkungen ist den aktuellen Fachinformationen zu entnehmen.

Kontraindikationen

  • Schwere Leber- und Nierenschäden
  • Schwere Herz- und Kreislaufschwäche

Die vollständige Auflistung aller Gegenanzeigen ist den aktuellen Fachinformationen zu entnehmen.

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen bei Kindern

Die aktiven Metaboliten haben eine lange Halbwertszeit, sodass es bei wiederholten Dosen zur Akkumulation kommen kann. Die Hämodynamik sollte überwacht werden. In manchen Situationen ist mit einer verstärkten Wirkung zu rechnen. Bei nüchternen Patienten können höhere Chloralhydrat Dosierungen benötigt werden. Bei ambulanter Anwendung sollte die Entlassung nach Hause erst erfolgen, wenn das Kind vollständig wach ist (eine stationäre Überwachung sollte für mindestens 4 Stunden nach der Applikation erfolgen (German Society for Anesthesiology and Intensive Care Medicine).

Aufgrund der sehr langen Halbwertszeit, der schlechten Steuerbarkeit, der langdauernden Sedierung und häufig unzureichenden Wirkung, wird Chloralhydrat bei der Sedierung von Kindern von deutschen Intensivmedizinern nicht mehr empfohlen (Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, 2010).

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen

Chloralhydrat darf nur mit besonderer Vorsicht eingenommen werden bei:

  • bestehender Gastritis
  • Patienten mit Atemstörungen oder Schlafapnoe-Syndrom
  • Hypokaliämie
  • Bradykardie
  • angeborenem langen QT-Syndrom oder anderen klinisch signifikanten kardialen Störungen (insbesondere Erregungsleitungsstörungen, Arrhythmien)

Die vollständige Auflistung aller Warnhinweise ist den aktuellen Fachinformationen zu entnehmen.

Wechselwirkungen

Interaktionspartner Grund Handlungsempfehlung
Antikoagulantien vom Cumarin-Typ, z.B.
Acenocoumarol
Phenprocoumon
Warfarin
initial Verstärkung der antikoagulierenden Wirkung, bei länger dauernder Gabe möglicherweise Verminderung der antikoagulierenden Wirkung Kombination vermeiden.
Ethanol verstärkter zentraldämpfender, sedierender und hypnotischer Effekt Kombination vermeiden.
QT-Zeit verlängernde Wirkstoffe, z.B. Malaria-Mittel (Chloroquin, Mefloquin), Antiarrhythmika (Sotalol), Neuroleptika (Haloperidol, Risperidon), Antibiotika (Trimethoprim-Sulfamethoxazol) Additive QT-Zeit-Verlängerung möglich engmaschige EKG-Kontrollen
Furosemid Schweißausbrüche, Hitzegefühl, Unruhe, Übelkeit, Tachykardie und Blutdruckschwankungen einschließlich Hypertonie möglich Anderes Diuretikum in Betracht ziehen. Ggf. Nebenwirkungen überwachen.
Methotrexat Methotrexat-Plasmakonzentration kann erhöht sein Kombination vermeiden.

Die vollständige Auflistung aller Wechselwirkungen ist den aktuellen Fachinformationen zu entnehmen.

Referenzen

  1. Mayers DJ, et al, Sedative/hypnotic effects of chloral hydrate in the neonate: trichloroethanol or parent drug, Dev Pharmacol Ther, 1992, 19(2-3), 141-6
  2. Mayers DJ, et al, Chloral hydrate disposition following single-dose administration to critically ill neonates and children, Dev Pharmacol Ther, 1991, 16(2), 71-7
  3. Saarnivaara L, et al, Comparison of chloral hydrate and midazolam by mouth as premedicants in children undergoing otolaryngological surgery, Br J Anaesth, 1988, Oct;61(4), 390-6
  4. Malviya S, et al, Prolonged recovery and delayed side effects of sedation for diagnostic imaging studies in children, Pediatrics, 2000, Mar;105(3), E42
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  8. D'Agostino J, et al, Chloral hydrate versus midazolam for sedation of children for neuroimaging: a randomized clinical trial, Pediatr Emerg Care, 2000, Feb;16(1), 1-4
  9. Ronchera CL, et al, Administration of oral chloral hydrate to paediatric patients undergoing magnetic resonance imaging, Pharm Weekbl Sci, 1992, Dec 11;14(6), 349-52
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  11. Steinberg AD. , Should chloral hydrate be banned?, Pediatrics, 1993 , Sep;92(3), 442-6
  12. Centraal Begeleidings Orgaan (CBO) [Zentrales Beratungsgremium (CBO)], Concept richtlijn sedatie en/of analgesie op lokaties buiten de operatiekamer [Leitlinienkonzept zur Sedierung und/oder Analgesie an Orten außerhalb des Operationssaals], 2008
  13. Nederlandse Vereniging voor Anesthesiologie, (NVA), and (NVK) Nederlandse Vereniging voor Kindergeneeskunde. [Niederländische Gesellschaft für Anästhesiologie (NVA) und Niederländische Gesellschaft für Kinderheilkunde (NVK)], Richtlijn sedatie en/of analgesie (PSA) op locaties buiten de operatiekamer. Deel III: bij kinderen. [Leitlinie zur Sedierung und/oder Analgesie (PSA) an Orten außerhalb des Operationssaals. Teil III: bei Kindern.], www.nvk.nl, 2009
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  22. Diagnosia, https://premium.diagnosia.com/check/interactions/search, aufgerufen am 14.08.2020
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  24. wechselwirkungscheck.de, http://www.wechselwirkungscheck.de/index.php, aufgerufen am 14.08.2020
  25. Desitin, SmPC Chloraldurat Weichkapseln 250 mg (6008102.00.00), 10/2014
  26. Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Analgosedierung für diagnostische und therapeutische Maßnahmen im Kindesalter, https://www.euroespa.com/wp-content/uploads/2014/11/HE-Analgosedierung_AI-2010.pdf, 2010

Änderungsverzeichnis

  • 23 Dezember 2020 11:25: Neue Monographie "Chloralhydrat"

Therapeutisches Drug Monitoring (TDM)


Überdosierung

Symptome:
In leichten Fällen: Kopfschmerzen, Verminderung der Aufmerksamkeit, verwaschene Sprache und Verwirrtheit und u. U. Übelkeit, Erbrechen, Leibschmerzen
In schwereren Fällen: darüber hinaus Blutdrucksenkung, Atemdepression, Arrhythmien (inkl. QT-Intervall-Verlängerung im EKG und Torsades de Pointes), Bewusstlosigkeit
In Einzelfällen sind nach mehrjähriger Einnahme hoher Dosierungen schleimig-blutige Durchfälle beobachtet worden.

Therapie: bei Schlafmittelvergiftungen übliche therapeutische Maßnahmen
- Entfernung noch nicht resorbierten Chloralhydrats aus dem Gastrointestinaltrakt mittels Magenspülung und Gabe von Aktivkohle
- Aufrechterhaltung der Vitalfunktion
- Herztätigkeit überwachen
- Zur Beschleunigung der Giftelimination eignen sich Hämodialyse sowie Hämoperfusion
- Arrhythmien können mit Betablockern, z.B. Propranolol behandelt werden